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Kann das gut gehen? Wenn das Extreme zum neuen Normal wird.

16. Aug.
8 Min. Lesezeit

Ich beschäftige mich regelmässig mit verschiedenen Themen rund um mentale Gesundheit, mentale Stärke, Coaching, Persönlichkeitsentwicklung und Ausdauer. 


Dabei beobachte ich seit einiger Zeit eine Entwicklung, die mich beschäftigt: Ausdauer- und insbesondere Ultraausdauer-Events boomen derzeit. Ironmans, Ultramarathons, Ultracycling – immer grössere Herausforderungen scheinen für immer mehr Menschen attraktiv zu sein. 


Respektive, die Dynamik scheint sich auch zu einer Art Wettlauf zu entwickeln und der Fokus scheint zum Teil weniger auf dem Sport an sich zu sein als auf einer Bucket Liste die man abarbeiten will, einem Lifestyle oder einem Club in dem Mann/Frau Mitglied sein möchte. 


Grundsätzlich finde ich es grossartig, dass sich immer mehr Menschen einer Herausforderung stellen. Menschen bewegen sich. Sie setzen sich Ziele. Sie verlassen ihre Komfortzone. Sie entdecken vielleicht eine Leidenschaft, von der sie vorher gar nichts wussten. Das ist toll!


Und ja, auch ich bewege mich mittlerweile seit über 10 Jahren in dieser Welt. Und genau deshalb beschäftigt mich die Frage umso mehr:


Kann das gut gehen?


Und mit dieser Frage meine ich nicht den Sport an sich oder den Start an einem Ironman. Sondern die Art und Weise, wie wir Geschichten darüber erzählen – und was diese Geschichten mit uns machen.




Auch ich bin Teil dieser Geschichten

Ich habe es schon erwähnt: auch ich bin Teil dieser Geschichte. Obwohl ich mich bereits seit über 10 Jahren dem Ultraausdauer-Sport widme, anfangs ausschliesslich dem Ultracycling, habe ich mich 2023 entschieden meinen ersten Triathlon zu absolvieren. Dabei handelte es sich um einen Triathlon der World Extreme Triathlon Serie - also eine Langdistanz mit vielen Höhenmetern. Ich bin somit gleich ziemlich steil eingestiegen und habe einen entsprechenden Blog auch so benannt: "von null auf hundert".


Und ja, ich bin stolz darauf, dass ich diesen Wettkampf geschafft habe. Aber diese Geschichte würde einen entscheidenden Teil auslassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits acht Jahre Ultra-Cycling hinter mir und habe 20 oder mehr Stunden pro Woche trainiert. 


Plus all die vielen Jahre Leistungssport in verschiedenen Sportarten in meiner Jugend und als junge, erwachsene Frau. Ebenfalls habe ich an unzähligen Wettkämpfen teilgenommen die im Ultracycling über mehrere Tage im non-stop Modus ausgetragen werden. Als ich mich entschieden habe den Extreme-Triathlon zu absolvieren, habe ich mich ein ganzes Jahr gezielt darauf vorbereitet. 


Es war also durchaus ein grosser Sprung. Aber keineswegs ein Sprung aus dem Nichts. Für mich heisst das daher auch:

Die Geschichte hinter der Geschichte ist auch wichtig. Sie lässt uns auch Vieles einordnen.


Und genau darüber denke ich in letzter Zeit immer wieder nach.



Wenn das Extreme mehr Aufmerksamkeit bekommt

Ich beobachte im Ausdauersport zunehmend Geschichten, bei denen mich die Geschichte selbst und auch die Reaktionen darauf nachdenklich machen. Je grösser der Sprung, je kürzer die Vorbereitung, je dramatischer die Ausgangslage und je spektakulärer die Geschichte - desto grösser scheint teilweise der Applaus, die Bewunderung und die Inspiration.


In diesen Geschichten lese ich immer wieder Aussagen wie:

„Ich war vorher überhaupt nicht sportlich.“

„Ich hatte kaum Zeit zum Trainieren.“

„Ich hatte noch nie einen Triathlon gemacht.“

Und dann: ich habe es geschafft.


Eine unglaubliche Geschichte. Eine Inspiration. Eine Erfolgsgeschichte. Und ja – sie kann das sein.


Aber ich frage mich:

Warum scheint eine Geschichte manchmal umso beeindruckender zu werden, je weniger Vorbereitung dahintersteht?


Was ist mit den Menschen, die sich über Monate oder Jahre hinweg auf etwas vorbereiten? Die ihr Training sorgfältig aufbauen. Die Regeneration einplanen. Die Erfahrungen sammeln. Die lernen, ihren Körper einzuschätzen. Die wissen, wann sie Gas geben können – und wann eben nicht.


Das ist weniger spektakulär. Es lässt sich vielleicht auch weniger gut erzählen. Aber ist es deshalb weniger beeindruckend?


Und nein, das ist kein "fishing for compliments" Artikel und es ist auch keine grundsätzliche "Gesellschaftskritik". Es sind Gedanken mit denen ich mich beschäftige, im Bewusstsein, dass ich selber Teil des Ganzen bin, und ich finde, das darf man auch hinterfragen. Und ich hinterfrage mich dabei selbstverständlich auch selbst.



Was wir sehen, ist meistens nur die Erfolgsgeschichte

Bei diesen, unseren Geschichten ist nur das sichtbar, was wir auch sichtbar machen wollen. Sei es das Zielfoto. Die Medaille. Die (positiven) Emotionen. Oder eben auch: der Post auf Instagram oder anderen Sozialen Medien. Und oft endet die Geschichte dort.


Was wir meistens oder oft nicht sehen:

Wie der Körper darauf reagiert hat.

Wie lange die Erholung gedauert hat.

Welche Schmerzen da waren.

Welche Risiken eingegangen wurden.

Oder wie viel Vorbereitung tatsächlich hinter dieser Leistung steckt.


Was ich auch schon erlebt habe: manchmal ist die Geschichte vielleicht auch etwas dramatischer erzählt, als sie tatsächlich war. Ich habe dies selbst schon erfahren, weil ich mal nachgefragt habe und genauer verstehen und hinschauen wollte. Die Person, die sich als völlig untrainiert dargestellt und etwas Unglaubliches erreicht hatte, war tatsächlich durchaus gut trainiert.


Die wirkliche Ausgangslage war eine andere als diejenige die in der Geschichte erzählt wurde. Die erzählte Geschichte war extremer, fantastischer und daher offensichtlich auch attraktiver. Und was heutzutage auch sehr wichtig zu sein scheint: sie war inspirierender.


Hier ergibt sich für mich eine erste Erkenntnis und Feststellung: 

Wir vergleichen uns nicht mit der Realität. Wir vergleichen uns mit Geschichten über die Realität, respektive über eine scheinbare Realität.



Wenn Inspiration zum Vergleichsmassstab wird

Ich möchte dabei eines nochmals ganz klar sagen: ich finde es grossartig, wenn Menschen andere Menschen zum Sport motivieren. Wenn jemand durch eine Geschichte denkt: Vielleicht kann ich das auch und es dann auch wirklich probiert. Das kann unglaublich kraftvoll sein.


Aber zwischen Inspiration und Vergleich liegt ein grosser Unterschied.


Inspiration sagt:

„Das ist möglich.“


Vergleich sagt:

„Das müsste ich auch schaffen.“


Und plötzlich wird aus einer inspirierenden Geschichte ein persönlicher Massstab. Dann geht es nicht mehr darum, was für mich sinnvoll ist. Sondern darum, was andere machen.



Wenn das Extreme das neue Normal wird – wo bleiben dann die anderen?

Genau diese Frage beschäftigt mich besonders. Was passiert mit den Menschen, die nicht extrem können, wollen oder müssen?


Menschen die keinen Ironman machen können. Oder die keine 20 Stunden pro Woche trainieren können. Menschen die sich nicht 60 Stunden pro Woche einer Arbeitsstelle widmen wollen und daneben scheinbar locker noch eine Weiterbildung machen.


Menschen die vielleicht gerade froh sind, ihren Alltag gut zu bewältigen. Oder die andere Prioritäten haben. Oder die nicht dieselben Möglichkeiten haben, aus verschiedenen Gründen. Menschen die sich mit anderen, vermeintlich "kleineren" Zielen oder Ambitionen zufrieden geben, geben wollen oder geben müssen.


Sind deren Ziele und Erfolge plötzlich weniger wert?


Ich denke und sage: nein. 


Aber ich frage mich, ob wir ihnen manchmal dieses Gefühl vermitteln. Denn wenn wir ständig das Aussergewöhnliche zeigen, verschiebt sich unser Massstab. Was gestern noch eine grosse Leistung war, erscheint plötzlich normal. Und was normal war, erscheint plötzlich als zu wenig.



Diese Frage begegnet mir auch im Coaching

Diese Gedanken beschäftigen mich nicht nur im Sport. Ich begegne ähnlichen Themen auch im Coaching. Menschen vergleichen sich mit dem, was sie täglich sehen.


Im Sport: „Die anderen machen Ironman. Warum mache ich das nicht?“


Im Beruf: „Die anderen gründen Unternehmen, machen Karriere, werden Führungskräfte, absolvieren nebenbei noch ein Studium. Warum schaffe ich das nicht?“


Im persönlichen Leben: „Die anderen reisen. Die anderen entwickeln sich ständig weiter. Die anderen erreichen so viel.“


Und irgendwann wird das Aussergewöhnliche zum vermeintlichen Standard.


Problematisch wird es für mich dort, wo aus Inspiration ein Vergleichsmassstab wird.


Ich erlebe Menschen, die sich bewusst von Social Media distanzieren, weil die permanente Konfrontation mit scheinbar aussergewöhnlichen Leistungen Druck erzeugt. Nicht weil sie anderen ihren Erfolg nicht gönnen. Sondern weil sie irgendwann das Gefühl bekommen: „Mit mir stimmt etwas nicht. Ich mache zu wenig.“



Noch schwieriger wird es, wenn die Geschichte nicht die ganze Wahrheit erzählt

Ein Thema, das ich schon im Artikel gestreift habe: Social Media zeigt Ausschnitte. Und trotzdem vergleichen wir manchmal unser ganzes Leben mit diesen Ausschnitten.


Wenn jemand erzählt: „Ich war völlig untrainiert und habe nach vier Wochen einen Ironman gemacht.“ und dabei jahrelange sportliche Erfahrung, gute körperliche Voraussetzungen oder andere relevante Faktoren nicht erwähnt werden, entsteht für diejenigen, die diese Geschichte lesen, ein völlig anderer Eindruck. 


Und plötzlich vergleichen sie sich mit etwas, das gar nicht der Realität entspricht. Dann vergleichen wir uns nicht mehr mit einem Menschen. Wir vergleichen uns mit einer Erzählung. Und ich persönlich bin der Meinung: das kann gefährlich werden.



Das gilt nicht nur für den Sport

Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich an diesem Thema so beschäftigt. Denn diese Entwicklung gibt es nicht nur im Ausdauersport. Auch im Business erleben wir einen enormen Fokus auf High Performance.


Immer schneller. Immer produktiver. Immer resilienter. Immer weiterentwickeln.


Noch ein Ziel. Noch ein Projekt. Noch eine Weiterbildung. Noch eine Herausforderung.


Selbstverständlich ist Entwicklung etwas Positives. Ich bin die Letzte, die etwas gegen persönliche Weiterentwicklung sagen würde.


Aber: 

Was passiert, wenn Entwicklung keinen Endpunkt mehr kennt?


Was passiert, wenn „gut“ nicht mehr gut genug ist, weil irgendwo immer jemand noch mehr erreicht?


Und wieder komme ich zu derselben Frage: Kann das gut gehen?



Vielleicht müssen wir unseren Blick auf Erfolg wieder etwas erweitern

Ich möchte niemandem vorschreiben, warum er oder sie etwas macht. Ich möchte auch niemanden beurteilen, der sich kurzfristig auf ein grosses Ziel vorbereitet und dieses erreicht. Die Voraussetzungen sind unterschiedlich. Die Motive sind unterschiedlich. Die Lebenssituationen sind unterschiedlich. Wir alle sind unterschiedlich und individuell. Der eine Beweggrund ist nicht besser oder sinnvoller als ein anderer.


Und vielleicht ergibt sich daraus eine wichtige Schlussfolgerung:

Wir müssen nicht alle dasselbe Ziel haben, damit unsere Ziele wertvoll sind.


Vielleicht ist die beeindruckendste Geschichte nicht immer: „Ich hatte keine Ahnung, habe kaum trainiert und trotzdem einen Ironman geschafft.“


Vielleicht ist es manchmal die viel unspektakulärere: „Ich hatte ein grosses Ziel. Ich wusste, dass es Zeit braucht. Ich habe mich vorbereitet, Rückschläge akzeptiert, gelernt, auf mich zu hören – und bin irgendwann bereit gewesen.“


Das klingt weniger spektakulär. Aber vielleicht ist genau das nachhaltiger.



Wir dürfen und sollen wieder stolz sein auf das, was für uns persönlich gross ist

Vielleicht ist ein Marathon genauso wertvoll, wenn jemand dafür drei Jahre gebraucht hat. Vielleicht ist es eine grosse Leistung, nach Jahren wieder mit dem Laufen anzufangen. Vielleicht ist es mutig, sich gegen einen Trend zu entscheiden.

Vielleicht ist es eine Form von mentaler Stärke, zu sagen: „Das muss ich nicht machen.“


Und vielleicht müssen wir uns auch wieder mehr erlauben, über solche Leistungen zu sprechen. Über das, was für uns persönlich schwierig war. Über kleine Schritte. Über Fortschritte, die für andere vielleicht unspektakulär aussehen.


Denn wenn wir nur noch das Extreme feiern, verlieren wir vielleicht den Blick für all das, was dazwischen liegt.



Was sagt das über uns als Gesellschaft?

Vielleicht ist es das Ganze einfach der Zeitgeist. Oder es gehört in der heutigen Zeit einfach zu Social Media. Vielleicht suchen wir Geschichten, die uns zeigen: Alles ist möglich. Und ja – das ist eine schöne Botschaft.


Aber vielleicht brauchen wir daneben auch eine zweite Botschaft: Nicht alles muss sofort möglich sein. Manches darf Zeit brauchen. Manches darf aufgebaut werden. Manches darf auch einfach gut genug sein. Und vielleicht ist es nicht immer notwendig, noch einen draufzulegen.



Ich habe keine fertige Antwort auf diese Fragen. Aber ich finde, wir dürfen sie stellen.


Nicht nur im Ausdauersport. Nicht nur im Business. Sondern überall dort, wo „höher, schneller, weiter“ zum Massstab wird.


Vielleicht ist der eigentliche Erfolg nicht immer, wie schnell wir ein Ziel erreichen. Sondern, wie wir dorthin gelangen.


Und vielleicht müssen wir nicht alle extrem werden. Vielleicht dürfen wir wieder stolz sein auf das, was für uns persönlich eine grosse Leistung ist – auch wenn es für jemand anderen ganz normal erscheint.


Denn wenn das Extreme zum neuen Normal wird:

Was passiert dann mit all dem, was früher schon als aussergewöhnlich galt?


Und vor allem:

Was passiert mit uns, wenn wir beginnen, unseren eigenen Wert daran zu messen?


Kann das gut gehen?



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