Egoismus? Eigene Bedürfnisse? Ja. Aber nicht ohne den Blick aufs Ganze.
„Du musst mehr auf dich schauen.“ - "Tu was dir gut tut." - "Steh für deine Bedürfnisse ein."
Diese Sätze hören wir heute ziemlich oft. Und grundsätzlich finde ich das richtig.
Wir dürfen unsere eigenen Bedürfnisse wahrnehmen. Wir dürfen sagen, was uns guttut und was nicht. Wir dürfen Grenzen setzen. Wir dürfen auch einmal Nein sagen, ohne uns dafür zu rechtfertigen. Gerade Menschen, die sich sehr stark an anderen orientieren, vergessen manchmal, dass sie selbst ebenfalls Teil des Systems sind. Auch ihre Bedürfnisse gehören dazu.

Trotzdem frage ich mich manchmal, ob wir beim Thema Selbstfürsorge nicht etwas zu weit gehen.
„Ich muss auf mich schauen.“ - Ja.
Aber was passiert, wenn alle Beteiligten genau das tun? Wenn in einer Familie jede:r nur noch darauf achtet, was für ihn oder sie selbst gerade passt? Wenn im Team jede:r seine oder ihre eigenen Bedürfnisse zur obersten Priorität macht? Wenn in einer Partnerschaft beide sagen: „Ich muss jetzt einfach das machen, was für mich richtig ist.“
Dann wird es schwierig, denn wir leben nicht isoliert. Wir sind Teil von Familien, Freundschaften, Partnerschaften, Teams und Organisationen - wir sind Teil von Systemen. Und unsere Entscheidungen haben Auswirkungen auf andere Menschen und auf das gesamte, betroffene System. Gleichzeitig wirken sich die Entscheidungen anderer auf uns aus.
Genau deshalb finde ich den systemischen Blick so spannend. Er stellt nicht nur die Frage: Was brauche ich? Sondern auch: Was passiert, wenn ich danach handle?
Das bedeutet für mich nicht, dass wir unsere Bedürfnisse wieder hinten anstellen sollen. Im Gegenteil. Ich glaube, es ist wichtig, sie überhaupt einmal wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Aber ein Bedürfnis ist noch kein Anspruch. Ich kann zum Beispiel merken, dass ich mehr Zeit für mich brauche. Das darf ich ernst nehmen. Ich darf darüber sprechen und nach einer Lösung suchen. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass sich alle anderen meinem Bedürfnis anpassen müssen. Vielleicht braucht mein Gegenüber gerade etwas anderes. Und dann beginnt die eigentliche Arbeit.
Wie finden wir eine Lösung, mit der beide leben können? Was ist verhandelbar? Wo kann ich mich bewegen? Wo möchte oder kann ich eine Grenze nicht überschreiten? Und was passiert mit unserer Beziehung oder dem Team, wenn wir keine gemeinsame Lösung finden?
Das ist für mich etwas anderes als Selbstaufgabe. Und auch etwas anderes als Egoismus. Vielleicht ist es eine Form von Selbstverantwortung, die beide Seiten berücksichtigt: Ich bin für meine Bedürfnisse verantwortlich. Aber ich bin auch verantwortlich dafür, wie ich mit ihnen umgehe.
Ich darf etwas brauchen. Ich darf es aussprechen. Ich darf dafür einstehen. Und trotzdem kann die Antwort des anderen „Nein“ sein.
Das auszuhalten, finde ich manchmal anspruchsvoller, als einfach die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen. Vielleicht brauchen wir deshalb gar nicht weniger Selbstfürsorge. Vielleicht brauchen wir einfach einen etwas grösseren Blick darauf.
Eigene Bedürfnisse haben: Ja. Eigene Bedürfnisse ernst nehmen: Ja. Sie immer durchsetzen: Nein.
Denn zwischen Selbstaufgabe und Egoismus liegt ziemlich viel Raum. Und genau dort findet für mich ein gutes Miteinander statt.



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