Persönliche Grenzen – Teil 2: nicht erreichte Grenzen
- Eliane Z
- 5. Nov. 2024
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Feb.

Auf diesem Foto war ich müde – und gleichzeitig noch lange nicht erschöpft.
Wie passt das zusammen?
Und was sagt das über Grenzen aus – und über das Bewusstsein, das es braucht, um ihnen sinnvoll zu begegnen?
Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung meiner persönlichen Gedanken zum Thema Grenzen, basierend auf Erfahrungen aus dem Ultracycling.
Ein konkretes Beispiel: Tortour 2021
Auch in diesem Beitrag dient meine Teilnahme an der Tortour als Beispiel. Dieses Mal schreiben wir das Jahr 2021 – das Jahr, in dem ich die Tortour als Solo-Fahrerin erfolgreich beendete und Vize-Schweizermeisterin wurde.
In Teil 1 habe ich beschrieben, wie mir mein Körper Grenzen aufgezeigt hat. In Teil 2 spielen nun Körper und Kopf eine zentrale Rolle.
Bereits zuvor habe ich betont, wie wichtig es ist, unterschiedliche Arten von Grenzen bewusst zu unterscheiden, um gezielt und verantwortungsvoll an sie heranzugehen. Das Thema Müdigkeit eignet sich besonders gut, um diese Differenzierung greifbar zu machen.
Vier Arten von Müdigkeit
In meinem persönlichen Ultracycling-„Wörterbuch“ unterscheide ich vier Arten von Müdigkeit, wenn ich sage: „Ich bin müde.“
müde Muskeln / Sehnen
müde Gelenke
mentale Müdigkeit
Schlaf-Müdigkeit
Diese Unterscheidung ist für mich zentral. Denn „müde“ ist nicht gleich „am Ende“.
Was auf dem Foto wirklich los war
Auf dem Foto hatte mich nicht die Schlaf-Müdigkeit eingeholt. Ich habe auch nicht geschlafen. Ich war schlicht mental müde.
Das Bild entstand an der Time Station in Fiesch (VS). Zu diesem Zeitpunkt war ich rund 350 bis 400 Kilometer unterwegs, inklusive einer vollständig durchfahrenen Nacht und Temperaturen von etwa 30 Grad am Nachmittag. Ich musste für ein paar Minuten vom Velo, mich hinlegen und die Augen schliessen – nicht, um zu schlafen, sondern um mental kurz herunterzufahren.
Bewusstsein als Schlüssel
In einem Ultracycling-Rennen läuft die Zeit auch während Pausen weiter. Deshalb versucht man, Stopps möglichst zu vermeiden. Um die unterschiedlichen Arten von Müdigkeit ohne Anhalten zu überwinden, greife ich auf verschiedene Strategien zurück.
Der erste Schritt ist dabei immer Bewusstsein.
Wenn der Gedanke „Ich bin müde“ auftaucht, scanne ich meinen Körper und meinen Zustand:
Wie genau bin ich müde?
Welche Art von Müdigkeit liegt vor?
Erst dann wähle ich gezielt Methoden, um dieser Müdigkeit zu begegnen. Oft braucht es Geduld und mehrere Ansätze. Die Erfahrung zeigt jedoch: Viele dieser Phasen lassen sich ohne Pause überwinden.
Eine Grenze, die nicht überschritten werden darf
Besonders kritisch ist der Umgang mit Schlaf-Müdigkeit. Ja, auch sie lässt sich eine Zeit lang hinauszögern – aber es gibt einen Moment, den man nicht verpassen darf: den Moment, in dem die einzig richtige Entscheidung lautet, anzuhalten und zu schlafen.
Diese Grenze sollte nicht überschritten werden.
Nicht am Limit – trotz Müdigkeit
An der Tortour 2021 war ich vom Aufstehen am Starttag bis zur Heimkehr nach dem Rennen rund 68 Stunden wach bzw. im Sattel. In dieser Zeit habe ich einmal für etwa 20 Minuten geschlafen. Vor dem Start lag ich zusätzlich rund zwei Stunden im Begleitauto, ohne wirklich zu schlafen.
Als ich im Ziel ankam, war ich müde – aber ich spürte auch klar: Die Grenzen der verschiedenen Arten von Müdigkeit waren noch nicht erreicht. Da war noch Reserve.
Grenzen zu erkennen, bedeutet nicht automatisch, sie auszureizen. Manchmal bedeutet es schlicht zu wissen, wo man steht.
Fortsetzung folgt in Teil 3.



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